Interessante Einschätzung von Norbert Häring. Nicht nur, weil ich das bei der Verleihung des Friedensnobelpreises 2006 an Yunus noch komplett anders gesehen haben (siehe Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Toller Friedensnobelpreis!, meine Güte, ich blogge schon seit 2006?!?).
Ich sehe das heute etwas differenzierter, wenngleich nicht so negativ wie Häring.
Häring meint, dass Mikrokredite in vielen Ländern eine Kreditblase ausgelöst hätten (mit den üblichen Folgen wie unrentable/sinnlose Projekte werden finanziert, Schulden erdrücken die Kreditnehmer, …). Außerdem habe die breite Verfügbarkeit von Mikrokrediten die Verfügbarkeit von normalen (und damit auch größeren) Krediten eingeschränkt. Der letzte Punkt ist natürlich schwierig zu überprüfen, die britische Studie, auf die sich Häring bezieht, würde ich gerne mal lesen (Hinweise wie immer gerne in die Kommentare!).
Wichtiger wären laut Häring internationale Wettbewerbsfähigkeit, größere Strukturen (= Fabriken), bessere Infrastruktur, etc. pp.
Das mag sicherlich alles richtig sein, nur wer will ernsthaft einen Subkontinent wie Indien (oder gar halb Afrika) in absehbarer Zeit mit einer brauchbaren Infrastruktur (Energie, Wasser, Abwasser, Straßen, Telekommunikation) versorgen und wer soll das bezahlen? Das wird in einigen Metropolen funktionieren, aber niemals in der Fläche. Und wenn man möchte, das noch irgendjemand auf dem Land wohnen bleibt und dort Nahrungsmittel produziert, muss man den Menschen dort was bieten. Zum Beispiel den Zugriff auf den Wetterbericht, auf die Preise von Hirse auf dem Markt, etc. pp.
Und genau dafür machen Mikrokredite weiterhin EXTREM viel Sinn: Energie (Solar oder Wasser) in Gebieten, die auf lange Zeit nicht ans Stromnetz angeschlossen werden. Und gleich danach ist Telekommunikation der nächste Schritt.
Auch der Zugang der weiblichen Hälfte der Bevölkerung zu Krediten (was immerhin zur teilweisen wirtschaftlichen Unabhängigkeit vom Mann führt) kommt in vielen Ländern ausschließlich über Mikrokredite. In vielen Ländern waren Frauen früher schlicht nicht kreditwürdig. Das mag sich geändert haben (und Mikrokredite in Teilen überflüssig gemacht haben), aber darauf würde ich nicht setzen.
IMHO spricht Häring richtigerweise ein Problem der Mikrokredite an: Es kann eine Kreditblase entstehen. Das ist aber schon eine wacklige Kritik, denn Kreditblasen entstehen bekanntlich auch, wenn man das “Mikro” aus dem Wort “Mikrokredit” streicht. Aber die IMHO wichtigere Kritik: Die Lösung von Häring, dass die bessere Lösung Investitionen in eine wettbewerbsfähige Wirtschaft wären, ist utopisch, um nicht zu sagen blauäugig. Dazu sind die Investitionen viel zu gewaltig und der Zeitraum, bis diese in der breiten Bevölkerung und der Fläche zu Wohlstandsgewinnen führen, einfach viel zu lang. Mit Mikrokrediten kann man vielen Menschen in vielen Regionen der Welt deutlich schneller und effektiver helfen.
Bin mir sicher, der Artikel wird einige Wellen schlagen. Meinen Senf dazu habt ihr hiermit schonmal ;-)
Stimmt es, dass …: … der Nobelpreis für Yunus ein Irrtum war? - Konjunktur - Politik - Handelsblatt
Update (14:41):
@MTWirth hat mir in seinem (lesenswerten) Kommentar einen Hinweis auf die Studie hinterlassen. Das ist zwar kein direkter Link auf die Studie, sondern nur auf eine Zusammenfassung. Aber wenn diese stimmig ist, sagt diese Metastudie (Überblick und Zusammenfassung anderer Studien) nicht sehr viel mehr als: Wir wissen noch nichts, wir müssen noch forschen, wir können positive Wirkungen noch nicht statistisch/empirisch belegen. Das heisst aber noch lange nicht, dass das Gegenteil gilt und Menschen durch Mikrokredite in Schuldenspiralen versinken und das alles kontraproduktiv ist.
12:24 pm • 22 Februar 2012
Uh, gewagt, würde man meinen. Die indische Notenbank senkte allerdings nicht den Leitzins, sondern “nur” die Mindestreserve (wie zuvor auch in China). Damit müssen die indischen Banken jetzt etwas weniger Geld als zuvor bei der Zentralbank deponieren, was Geld für neue Kredite freisetzt. Das ist eigentlich keine so große Nachricht, aber die Aktion zeigt meiner Meinung nach, in welcher Klemme die aufstrebenden Staaten stecken. Dort ist in den Köpfen der Bevölkerung das Wachstumswunder angekommen und man will daran teilhaben. Bereits eine Wachstumsverlangsamung wird als Scheitern bzw. Enttäuschung verstanden. Dann würde die Unzufriedenheit in der Bevölkerung steigen und u.U. sogar Unruhen drohen. Darin unterscheiden sich die Diktatur China und die (weltgrößte) Demokratie Indien am Ende vielleicht viel weniger als man am Anfang vermuten könnte. Schlussendlich sind beide Länder zu weiterem Wachstum - und zwar kräftigem - verdammt. (übrigens mit allen unliebsamen Konsequenzen für den Energieverbrauch und das Klima …) 9:11 pm • 25 Januar 2012
u.a Rezession in der Eurozone (EU17). Aber der Reihe nach. Die Senkung ist gegenüber der letzten Schätzung vom Juni dramatisch. Die Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft liegt nun bei 2,5% für 2012 (letzte Schätzung im Juni 3,6%) und 3,1% für 2013. Die Eurozone wird von der Weltbank nun bei mit -0,3% (Junischätzung +1,8%) in einer Rezession gesehen. Auch die Erwartungen für die USA (+2,2% gegenüber 2,9% zuvor) und Japan (+1,9% gegenüber +2,6% zuvor) wurden deutlich reduziert. China sieht die Weltbank vergleichsweise stabil (+8,4%), für Indien senkt sie hingegen die Wachstumsprognose von 8,4% auf 6,5% kräftig. Die Weltbank sieht hohe Ansteckungsgefahren für die Emerging Markets und reduziert die 2012er-Wachstumserwartung für die Emerging Markets als ganzes von 3,6% auf 2,5%. Die Wirtschaftsabkühlung in Europa würde sich auch dort bemerkbar machen. Die dortigen Aktienmärkte wären bereits doppelt so stark (8,5%) gesunken wie in den entwickelten Ländern. Und am wichtigsten: Die Kapitalflüsse in Richtung Emerging Markets sind ins Stocken geraten. Im zweiten Halbjahr 2011 floss mit 170 Milliarden Dollar nur etwa halb so viel Geld wie in der Vorjahresperiode. Zusammengefasst hält die Weltbank die Emerging Markets für gefährdeter als 2008. Vor allem, weil die Länder über deutlich geschrumpfte finanzielle Reserven für eine Konjunkturankurbelung verfügen - in den entwickelten Ländern und den Emerging Markets. News & Broadcast - World Bank Projects Global Slowdown, with Developing Countries Impacted oder etwas länger: Global Economic Prospects Executive Summary (PDF, 4 Seiten) oder in aller Ausführlichkeit Global Economic Prospects (PDF, 160 Seiten) 10:17 am • 18 Januar 2012
Geht auch noch mal irgendwas ohne superdramatische Überschrift? Das ifo Institut hat gestern folgende Wachstumsschätzungen für 2012 veröffentlicht: Russland: +3,5% (nach 4,0%) China: +8,2% (nach 9,1%) Indien: +8,0% (nach 7,5%) Lateinamerika: +3,5% (nach 4,3%). Ergänzend dazu: USA: +1,8% (nach 1,7%!) EU +0,2% (nach +1,6%). Mal ernsthaft: Aber wo der Wachstumseinbruch stattfindet und wovon er ausgeht, ist doch wohl sehr sehr offensichtlich! Von der EU und den Sparprogrammen hier. Und nicht von “implodierenden BRIC-Staaten”. Der Artikel ist komisch, die Überschrift passt nicht einmal wirklich zum Artikel … Aber der verzweifelte Versuch, die These aus der Überschrift zu belegen, fällt doch auf … 3:17 pm • 15 Dezember 2011
Furcht vor Marktverzerrungen: Indien will Gold-ETFs stoppen - Fonds ETF - Finanzen - Handelsblatt 5:24 pm • 4 Mai 2011
.. wie die Zwiebel. Oder war es die Katze ;-) ? Komisch, dass diese eher obskuren Inflationsmeldungen zunehmen, ohne dass in den westlichen Ländern die Inflation sichtbar wird. Indien schränkt den Zwiebelexport ein, damit die Preise in Indien nicht weiter steigen. Ernteausfälle: Indien bekämpft Inflation mit Zwiebel-Protektionismus | FTD.de Und China übt direkt den Rund-Um-Schlag und reguliert die Preise für alles: CHINA WILL INFLATION MIT PREISKONTROLLEN BEKÄMPFEN Vielleicht sind die Preissteigerungen bei landwirtschaftlichen Gütern nur die erste Haut der Inflation, die sich gerade zeigt. Und nach und nach kommen die anderen zum Vorschein … 6:11 pm • 21 Dezember 2010
Das ist doch unvorstellbar! In der Branche geht es doch weltweit mit rechten Dingen zu! ROTFL. Naja, jetzt ist Rheinmetall an der Reihe. Die Anklage kommt aus Indien. Es soll sich um die Tochter “Rheinmetall Air Defense” handeln, die damit beim indischen Verteidigungsministerium auf einer roten Liste landen würde und sich weitere Verkäufe in Indien (zumindest an staatliche Abnehmer) abschminken könnte. Wie selten Korruption in der Branche ist, zeigt sich daran, dass noch 5 weitere Firmen auf der Liste stehen sollen. Gefahr für Indien-Geschäft: Verdacht auf Korruption bei Rheinmetall | FTD.de 12:26 pm • 5 August 2010
Ziel soll Indien sein, melden zumindest Quellen aus Indien. Aber im Fall eines Hardwareherstellers kann ich mir das eigentlich nicht vorstellen. Gibt es außer Taiwan noch ein Land, das PCs und Komponenten herstellt? Von allen Notebooks weltweit kommen meines Wissen mehr als 95% aus einer einzigen Region Chinas. Das hört sich stark nach Fake an. Dell looking outside of China for ‘safer environments,’ according to Indian PM — Engadget
Auch wenn diese Überlegung richtig sein mag, kann ich mir kaum vorstellen, dass ein Verbot allein in Indien irgendetwas ändern wird. Der Goldmarkt wird wohl kaum aus Indien heraus massiv beeinflusst …