Weil gerade wieder fleissig über den Kirchhof Vorschlag mit 25% Flattax diskutiert wird und da gerne auch der unglaublich hohe Anteil der Spitzenverdiener am gesamten Steueraufkommen in die Runde geworfen wird:
Die Diskussion ALLEIN über die Lohn- und Einkommensteuer greift zu kurz. Denn diese machen nur etwa ein Drittel der Gesamtsteuereinnahmen aus. Von den gesamten Steuereinnahmen 2010 (531 Mrd. €) sind “nur” 128 Mrd. Euro (oder knapp 25%) Lohnsteuer. OK, dazu muss man noch Einkommensteuer (31 Mrd.), Soli (12 Mrd.) und Steuern auf Kapitaleinkünfte (8 Mrd.) rechnen, aber auch dann komme ich gerade einmal auf ein Drittel der Gesamtsteuereinnahmen. Dagegen kommen 180 Mrd. Euro aus der Umsatzsteuer und 46 Mrd. aus Energie- und Stromsteuer und der Rest aus diversen anderen Steuern.
Entscheidend bei den anderen Steuern ist eines: Diese sind NICHT progressiv. Die Umsatzsteuer liegt bei 19% (oder 7 oder 0 bei bestimmten Produkten), egal ob ich Millionär oder Hartz IVler bin. Genau wie Energiesteuern, Kaffeesteuer oder was auch immer.
Das soll nicht bedeuten, dass die Besserverdienenden zu viel oder zu wenig Steuern bezahlen. Ich möchte auf etwas anderes hinaus, nämlich dass der Normalverdiener mit einem Steuersatz von 20% eben NICHT nur einen halb so hohen Steuersatz hat wie der Spitzenverdiener, auf die Einkommensteuer betrachtet schon, auf die gesamte Steuerbelastung aber nicht. Ein kleines Rechenbeispiel nur mit der Umsatzsteuer:
100-40%-19%=48,6% bleiben übrig, 52,4% gehen an den Staat.
100-20%-19%=64,8% —> 35,2% gehen an den Staat.
100-19%=81% —> 19% gehen an den Staat.
Man sieht schnell, dass der durchschnittliche GESAMTsteuersatz des Spitzenverdieners mit 40% Einkommensteuersatz “nur” 50% höher ist als der Gesamtsteuersatz eines Menschen, der 20% Einkommensteuersatz hat. Er hat also keinen doppelt so hohen Steuersatz! Auch ist die Familie (2 Erwachsene, 2 Kinder) mit 30.000 Euro netto, die dank der Freibeträge überhaupt keine Lohnsteuer zahlt, nicht steuerfrei, denn die Umsatzsteuer zahlt sie ja weiterhin fleissig. Inkl. der Energie-, KFZ-, (etc.) Steuern wahrscheinlich durchaus 25% des Einkommens.
Klar, ist diese Diskussion bis hierher auch zu kurz, denn ich habe bisher nur über die Steuersätze geschrieben. Und diese sagt ja nur indirekt etwas aus über die Menge der gezahlten Steuern. Und da zahlt jemand mit 4.000 Euro Einkommen halt schon tendenziell (mindestens) doppelt so viel wie jemand, der 2.000 Euro verdient, weil er auch doppelt so viel ausgibt. Das macht die Diskussion ja auch so schwierig, weil in der Diskussion gerne Steuersätze (=prozentual) und Steuermenge (=absolut) und zusätzlich noch Lohn(Einkommen)steuer und Gesamtsteuer durcheinandergeworfen werden.
Daher immer eine gesunde Menge Skepsis mitbringen, wenn Aussagen wie “10% der am besten Verdienenden tragen 90% zum Steueraufkommen bei und das ist ja wohl genug” kommen. Oft ist dann mit Steueraufkommen nämlich nur das Drittel Lohn/Einkommensteuer gemeint, nicht das Gesamtsteueraufkommen. Da kann man mit kleinen “Ungenauigkeiten” tolle Aussagen produzieren …
Statistisches Bundesamt Deutschland - Statistik über das Steueraufkommen
(Übrigens: Noch weiter gedacht müsste man auch bedenken, dass die Topverdiener auch zum großen Teil nicht in Renten- und Krankenkasse und Arbeitslosenversicherung einzahlen. Daher sinkt der Steuer+Abgabensatz der Topverdiener an “Gemeinschaftsfinanzierung” sogar. Das sind keine spinnerten “Ich bin links, ich kann nicht rechnen” Zahlen, sondern quasi offizielle Berechnungen der OECD (bei 63.000€/Jahr/Single beträgt die Belastung 53,7%, bei 110.000€ “nur” noch 50%, Quelle; allerdings ohne die Belastung durch indirekte Steuern).
Und noch noch weiter gedacht, müsste man jetzt noch die Leistungen, die der Staat bereitstellt, dagegenrechnen. Aber das wird soooo unglaublich kompliziert, dass das eine Aufgabe für eine Doktorarbeit ist … Auch wenn es versucht wurde … (allerdings ohne die Belastung durch indirekte Steuern)).