Viel Palawer, viel öffentliche Aufregung (es gibt bestimmt ein Zitat, das mit “Es kann nicht sein, dass …” beginnt, vorzugsweise von Sigmar Gabriel ;-) ), aber am Ende wohl nur ein Sturm im Wasserglas …
Die Geschichte, die hinter der Aufregung steckt, ist ganz einfach: Jeder, der eine Rentenversicherung abschließt, spekuliert damit auf ein langes Leben. Jeder, der eine Lebensversicherung abschließt, auf das Gegenteil.
Für die Gegenseite, also der Versicherung, gilt jeweils das Gegenteil: Eine Rentenversicherung ist für sie profitabel, wenn der Versicherte früh stirbt, eine Lebensversicherung, wenn er spät stirbt. Man kann es Spekulation nennen, man kann es aber auch Versicherung nennen.
Beide Versicherungen heben sich übrigens (logisch!) gegeneinander auf. Wenn also eine Versicherung mit einem Kunden eine Renten- und eine Lebensversicherung abgeschlossen hat, heben sich die beiden Risiken gegeneinander auf. Egal wann der Versicherte stirbt: Ein Produkt bringt Geld, eines kostet. Diese Risikostreuung führt im übrigen dazu, dass die Kombination beider Versicherungen oft günstiger ist als zwei getrennte Versicherungen.
Wenn eine Versicherung nun einen Überhang von Risiken hat (also viele Rentenversicherungen verkauft hat, aber wenige Lebensversicherungen), hat die Versicherung ein hohes Risiko in Richtung “hoher Lebenserwartung”. Sie muss also überdurchschnittlich viel Geld auszahlen, wenn die Versicherten im Durchschnitt lange leben.
Dann ist es sinnvoll, diese Risiken zu verbriefen und zu verkaufen. Das ist - für institutionelle Anleger - nicht sonderlich außergewöhnlich. Für Privatkunden scheinbar schon, das zeigt schon die öffentliche Empörung.
Verkauft nun die Versicherung das Risiko “langes Leben”, ist sie dieses Risiko los, das danach auf der Seite des Käufers liegt. Der Käufer war in diesem Fall die Deutsche Bank. Die Deutsche Bank hatte aber nicht vor, diese Risiken selber zu übernehmen, sondern hat diese als Zertifikat verbrieft und erneut verkauft. Damit lag dann das Risiko “langes Leben der Versicherten” bei den Käufern des Zertifikats. Der Käufer des Zertifikats hat damit das “Langleberisiko” im Depot, er bekommt nur dann eine überdurchschnittliche Rendite, wenn die Versicherten im Durchschnitt früh sterben.
Damit ist also schonmal klar, dass nicht die Deutsche Bank auf ein kurzes Leben spekuliert, sondern der Anleger. Aber wie gesagt: Der Kern dieser “Spekulation” liegt dem Abschluss von jeder der Millionen Renten- und Lebensversicherungen zugrunde, die jährlich in Deutschland abgeschlossen werden.
Aber um all das geht es im Gerichtsverfahren gegen die Deutsche Bank gar nicht … Es geht nämlich schlicht darum, dass die Deutsche Bank das Sterberisiko nicht fair angegeben haben soll. Also dem Anleger eine durchschnittliche Lebenserwartung von 75 (und damit x% Rendite) vorhergesagt hat, während die Gesundheitsprognose aber bei den normalen 78 oder 80 Jahren lag. Bei 80 Jahren war die Rendite für den Käufer aber viel niedriger.
Am Ende bricht sich der Streit auf die gleiche Problematik herunter wie bei den verbrieften CDOs (etc.) in der US-Finanzkrise 1.0. Niemand - ich betone niemand - kann solche Produkte im Details durchschauen und bewerten. Also hilft man sich mit externen Bewertungen: Im Fall der CDOs waren das die Ratings der Ratingagenturen, im Fall des Lebensversicherungszertifikats ist das eine (genauer: ganz viele) Gesundheitsprognose(n).
Das ist - ich betone für niemanden - bewertbar. Man sollte als Anleger die Finger von solchen Produkten lassen. Nur für die eigene Lebensversicherung ist diese Spekulation zu vertreten, weil man darum nicht vorbei kommt. Aber als Geldanlage? Never.
Man sollte sich viel mehr fragen, warum verkauft einem die andere Seite dieses Risiko. Wenn da relativ problemlos 6 oder 8 oder 10% Rendite drin wären, würde die Bank das Risiko nicht abgeben, sondern es selber halten. Sobald die Bank aber verkauft, muss man sich fragen, warum sie verkauft. Und vor allem, was die Bank eventuell mehr weiss als man selber. Und wenn man das Gefühl hat, die Bank könnte mehr wissen, sollte man die Finger vom Produkt lassen. Denn es droht - nach aller Erfahrung - ein Informationsvorsprung der Bank, den diese auch zu nutzen weiss … Im Normalfall muss die Bank nur darauf aufpassen, dass aus dem Informationsvorsprung kein Beschiss wird … (Verschweigen sollte man übrigens auch nicht, dass die Banken sich bei solchen Geschäften auch gerne mal verspekulieren. Davon hört man dann aber wenig, denn dagegen klagt ja niemand …)