Wenn Journalisten die richtigen Fragen stellen könnten … hätten Sie Wulff nach dem Zinsaufschlag gefragt, mit dem der Kredit versehen war … Also ich meine den Kredit der BW Bank, mit dem der Privatkredit vom Geerkens abgelöst wurde.
Also die genauen Konditionen wie EURIBOR (für einen bestimmten Zeitraum) + Zinsaufschlag. Denn das sind die interessanten Parameter.
Aus den in der Grafik genannten 0,9 bis 2,1% kann man nicht so viel anfangen …
Der EURIBOR hat sich in der Vergangenheit so entwickelt:
Nur anhand des Zinsaufschlags (in dem sich das Risiko widerspiegelt) könnte man beurteilen, ob das ein Kredit ist, der mit besonders guten Konditionen versehen war oder nicht.
Ich kann allerdings im Moment auch nicht sagen, wo der branchenübliche Aufschlag liegen würde. Der einzige Onlineanbieter, bei dem ich eine Hypothek mit variablem Zins finde, verlangt dafür gerade über 3% Zinsen bei einem 3-Monats-Euribor von 1,41%. Das wäre ein Aufschlag von etwa 1,6 Prozentpunkten.
Wohlgemerkt bei einer Beleihung von 60% der Immobilie. Wulff soll die Immobilie aber zu 100% finanziert haben. Bei einer so hohen Beleihung werden normalweise auch deutlich höhere Zinsen für das Risiko verlangt.
Auch wenn die Aussage sehr spekulativ ist, die 2,1%, die Wulff laut eigener Aussage maximal gezahlt hat, erscheinen auch bei einem variablen Zins ziemlich niedrig zu sein.
Hauskauf-Affäre: Wulff bekam Schnäppchenkredit der BW-Bank - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik
Update (23.12.11):
Das IFF hat das durchgerechnet, allerdings finde ich, relativ wirr. Erstens wird permanent mit einem festen Zins verglichen, was aber hier IMHO nur verwirrt …
Spannend ist allein der Aufschlag auf den variablen Zins. Hier muss das IFF aber wie ich auch raten: Es tippt auf einen 6-Monats-EURIBOR ohne Zinsaufschlag. Das ist aber auch nicht logisch, denn von Wulffs Anwälten wurde ein Zins von 0,9 bis 2,1% genannt. Bei 2,1% lag der 6-Monats-EURIBOR aber meiner Meinung nach nie (Chart). Mir sieht es eher nach einem 3-Monats-EURIBOR (Chart) mit einem Aufschlag von knapp 0,5 Prozentpunkten (also 50 Basispunkte) aus.
Das ist Ende aber auch alles egal: Weil der maximale Aufschlag, den ich mir vorstellen kann, bei 0,5 Prozentpunkten liegt und ist sehr sehr wenig. Bei der Interhyp habe ich inzwischen auch genaueres zur den Flexdarlehen gefunden (PDF). Der Zinsaufschlag beträgt dort 1,5 Prozentpunkte (also 150 Basispunkte). Und das bei Beleihung bis an die Normalgrenze von 60% des Hypothekenwerts.
Bei einer Beleihung bis zu 80% werden wohl so 0,4 Prozentpunkte Aufschlag fällig, bei Beleihung bis 100% etwa 0,8 Prozentpunkte. Das verteuert den durchschnittlichen Kredit spürbar, außer man heißt Wulff …
Wulff dürfte über den niedrigen Risikoaufschlag (100 Basispunkte für den Aufschlag auf den variablen Zins und vielleicht 30 Basispunkte durch den Verzicht auf den erhöhten Risikoaufschlag, der über die 125% Beleihung kommt) über die gesamte Kreditlaufzeit *locker* eine sechsstellige Summe gespart haben. Das IFF kommt auf gut 150.000€.
OK, die Frage aus der Überschrift kann man inzwischen beantworten: Der Kredit war ein Schnäppchen.
IFF INSTITUT FÜR FINANZDIENSTLEISTUNGEN E.V. (HAMBURG) - Startseite
Update 2 (27.12):
Der Baufinanzierungsexperte Max Herbst schätzt den Zinsaufschlag auf den EURIBOR für den BW-Kredit an Wulff auf 0,3%. Üblich sind seiner Meinung nach 1,0 bis 2,0%, bei schlechter Bonität auch bis zu 4,0%. Er hat also im Minimum 0,7 Prozentpunkte Vergünstigung bekommen, also knapp die Hälfte des Aufschlags, den ich für die 150.000er Kalkulation angesetzt habe. Es könnte also auch deutlich weniger Vergünstigung herauskommen.
Allerdings berücksichtigt der “übliche” Zinsaufschlag auch nicht, dass die Immobilie eben nicht üblich, sprich bis zu 60% des Immobilienwerts beliehen wurde, sondern deutlich höher. Und allein daraus muss ein weiterer Zinsaufschlag erfolgen, der den Zinsvorteil auf deutlich über 1,0 Prozentpunkte ausweitet.
Update 3 (5.1.12):
Nach dem großen Fernsehinterview mit Wulff gestern Abend in ARD und ZDF ist ein Update fällig. Gestern kündigte Wulff relativ großspurig an, dass der “alles” offen legen werde. Alles ist aber scheinbar in Politiker- (und Anwalts-) hirnen ein dehnbarer Begriff. Mir schwebte eher sowas wie Wikileaks vor, heraus kam eine Pressemitteilung. Ich habe mich vor allem auf die genauen Kreditdaten gefreut. Da ist zwar vieles gekommen, aber eben nicht alles. Der für die Berechnung des Zinsvorteils wichtige Zinsaufschlag auf den EURIBOR wird zum Beispiel nicht genannt. Damit kann man die Rechnung oben leider immer noch nicht machen.
Zu Wulffs Gunsten könnte man eine Sache werten: Hypotheken, die mit einer Phase von variablen Zinsen am Anfang beginnen und dann irgendwann in einen festen Zins übergehen, gibt es, wenn auch nicht für Normalsterbliche (aber nu, das ist Wulff mit seinem Einkommen auch nicht). (Für Normalsterbliche ist eher das Gegenteil üblich: Man lockt (gegen Gebühr natürlich) den Zins von heute ein, kann das Darlehen dann über einen Zeitraum von 12 oder 24 Monaten zu diesem Zins abrufen, sogenannte Forward Darlehen).
Ob Wulff nur eine gewisse Phase mit variablen Zinsen eingeräumt wurde und er irgendwann in einen Festzins wechseln musste oder ob Wulff den variablen Zins auch einfach hätte weiterlaufen lassen können, ist leider unklar. Im ersten Fall wäre eine etwas unseriöse Kalkulation des Zinssatzes nicht ganz unüblich: Man hat damit immerhin den Kunden an der Angel und bei der Festsetzung des Zinses anschließend einen etwas größeren Spielraum (ein Wechsel zur Konkurrenz verursacht Kosten und frisst Zeit). Kritischer müsste man die Konditionen des variablen Teils sehen, wenn dieser zeitlich nicht befristet war.
Jedenfalls wurde inzwischen aus dem variablen Zins ein fester gemacht. 3,56% Zinsen bei 15 Jahren Laufzeit (selbst hier fehlt das “Detail”, ob die Zinsbindung ebenfalls 15 Jahre beträgt. Fehlt das absichtlich oder sind die echt zu blöd so essentielle Information in die Presserklärung zu packen?).
Ein weiteres Detail ist inzwischen klarer: Es war eine normale Hypothek und kein Dispo, wie der Spiegel am Anfang schrieb (an dieser Darstellung hatte ich ja gleich Zweifel). Die Immobilie wurde also als Sicherheit hinterlegt. Allerdings wohl auch nur die eine (Wulff hat drei), womit wir eine Beleihung von 100% oder mehr hätten.
Ob die 3,56% marktüblich sind, ist schwierig abzuschätzen, weil wir die Zinsbindung nicht kennen. Nehmen wir aber mal an, dass die Zinsen über die 15 Jahre fix sind (und davon ist auszugehen, weil die Zinsen sonst niedriger sein müssten), gibt das günstigste Angebot von Dr. Klein bei einer halben Millionen mit 15 Jahren Zinsbindung, 15 Jahren Laufzeit und 100% Beleihung einen Zins von
3,60%.
Der Zins des Wulffschen Anschlusskredits ist somit ziemlich marktüblich.
Zumindest bei diesem Anschlusskredit kann man Wulff nichts mehr vorwerfen. Da die Konditionen aus dem Kredit davor aber unklar bleiben, bleibt der (mögliche) Vorteil von Wulff ebenfalls unklar (so ist das halt, wenn man die Salamitaktik wählt, die Spekulationen habe ich nicht zu verantworten). Ebenso unklar ist natürlich auch, ob Wulff, der ja früh von den Recherchen wusste (sonst hätte er ja nicht bei der Bild auf den AB gesprochen …), diesen sehr marktüblichen Kredit auch genau deshalb abgeschlossen hat: Weil er so marktüblich war.
Presseerklärung der Wulffschen Anwälte
Über die anderen Geschichten (die Urlaube oder auch die “Journalisten”-“Leistung” gestern Abend) schreibe ich jetzt nichts, wenn ihr sowas lesen wollt, müsst ihr mir auf Twitter folgen. Es ging in diesem Artikel v.a. um die Berechnung des Vorteils des/der Wulffschen Kredite.
Update 4:
Der Wirtschaftswurm hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Wulff von einer 60% Finanzierung gesprochen hat. Es ist zwar nicht 100% klar, ob er wirklich alle drei Immobilien als Sicherheit eingetragen hat, aber das ist am Ende auch egal. Der jetzige Kredit ist marktüblich (bei einer 60% Finanzierung eher teuer) und hat definitiv keinen BuPrä-Rabatt. Der vorherige Kredit ist als zeitlich befristeter Übergangskredit auch nicht total unrealistisch, als Dauerkredit wäre er es aber schon.
Aber was nützt die Spekuliererei, wenn Wulff die Fakten eh nicht vollständig offen legt …
Wulff schaufelt sich gerade weiter sein eigenes Grab und all das hätte nicht sein müssen, wenn er die ganzen Information VOR dem Anruf bei Dieckmann auf den Tisch gelegt hätte. Dann hätte er den Anruf nämlich gar nicht tätigen müssen …