Allerdings keiner mit Schlangen vor den Schaltern, sondern die moderne Version: Siemens hebt eine halbe Milliarde ab und deponiert sie bei der EZB.
Das ist jetzt möglicherweise eine Einzelentscheidung, von der man nur zufällig erfährt, allerdings könnte es durchaus einige Firmen geben, die grundsätzlich keine größeren Geldbeträge bei Banken liegen lassen, die ein Rating unterhalb einer gewissen Schwelle habe. Und in der vergangenen Woche wurde ja die Société Générale um eine Stufe auf Aa3 und die Crédit Agricole ebenfalls um eine Stufe auf Aa2 herabgestuft. Damit ist die Société Générale auf der gleichen Stufe wie Siemens. Vielleicht zieht Siemens dann sein Geld sicherheitshalber ab, weil ein schlechteres Rating als das eigene droht. (Siemens war 1995 übrigens noch Aaa. Das Rating ist auch ganz schön weggebröckelt …)
Dahinter steckt aber womöglich noch mehr. Meiner Einschätzung nach sind in allen europäischen Krisenländern die jeweiligen Refinanzierungsprobleme des Staats maßgeblich vom Bankensektor ausgegangen; für meine Stammleser ist das keine Neuigkeit. Im ersten Schritt holten die Kunden sicherheitshalber ihr Geld von den Konten und damit sanken die Einlagen bei den Banken. Danach folgten zwei mögliche Schritte: Entweder mussten die Staaten die Banken direkt stützen (wie in Irland) oder die Banken fielen als Käufer von Staatsanleihen aus, weil sie nicht mehr genug Kapital hatten. Beides hat aber ähnliche Auswirkungen auf die Schuldenaufnahme des Staats; diese wurde teurer.
Richtig transparent wurde das alles nur in Irland, weil es dort eine explizite Staatsgarantie für die Banken gab. Daher waren die Mittelabflüsse dort relativ zeitnah sichtbar und man konnte den Bankrun in den Bilanzen und den Hilfsmaßnahmen quasi live miterleben (siehe z.B. hier Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Veritabler Bankrun in Irland).
In den anderen Ländern lief das wesentlich versteckter ab, aber am Ende war auch mindestens in Griechenland der Abfluss von Kundengeldern ziemlich offensichtlich. (übrigens ist in Griechenland eine zweistellige Milliardensumme für die Rekapitalisierung der Banken vorgesehen, dummerweise fließt die nächste Rate des EFSF erstmal nicht …)
Felix Zulauf hat auch im Fall von Italien bereits im Mai darauf hingewiesen (Felix Zulauf: Der nächste ist Italien, nicht Spanien - egghat’s not so micro blog) und dabei sogar gemeint, dass der schleichende Bankrun Italien früher als Spanien vor unlösbare Probleme stellen wird.
Edward Harrison beobachtet das Ganze intensiv und erinnert daran, dass die US-Bank Washington Mutual ebenfalls durch den Abzug von Geldern von Großanlegern (die über 250.000 $ Einlage hatten und nicht mehr versichert waren) in die Pleite getrieben wurde.
Aus den USA sickern immer mehr Gerüchte durch, dass Geldmarktfonds im großen Stile ihre Einlagen bei europäischen Banken abrufen und in die USA zurückbringen.
The European Bank Run | Credit Writedowns
Wenn sich die Geschichte in Frankreich nach dem gleichen Drehbuch wie in Irland oder Griechenland weiterentwickeln sollte, dann aber gute Nacht.
Frankreich ist neben Deutschland die letzte große Volkswirtschaft, die (noch?) Triple A ist, und einen fast so großen Batzen an der EFSF (et al)-Finanzierung tragen muss wie Deutschland … Die ganze Konstruktion kann man unter Umständen komplett vergessen, wenn Frankreich das AAA Rating verlieren sollte ….
Blatt: Siemens brachte Einlagen bei französischer Bank zu EZB | Top-Nachrichten | Reuters
P.S. Wer weiss, vielleicht bekommt Eric Cantona ja doch noch seinen Bankrun (Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Bank Run am 7.12. - Jetzt mache ich mit!), der im letzten Dezember ja grandios floppte (Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Bankrun 2010 - Die Bilanz)
Update (11:40)
Es gibt inzwischen einen Haufen weiterer Gerüchte zum Thema. Erst hat Siemens dementiert, der Bericht sei faktisch falsch, dann den Kommentar verweigert. Aus Paris gibt es aber konkretere Gerüchte und danach soll Siemens bereits im Juli das Geld abgezogen haben. Das sei - versteht sich von selbst - auch keine Reaktion auf die Stärke/Schwäche den Bank, bei der es sich übrigens um die Société Générale handeln soll.
Alles in allem schwer zu beurteilen. Eventuell sollte man mal die nächsten Quartalsbilanzen der französischen Banken genauer unter die Lupe nehmen.
FT Alphaville » Siemens in knots
Update 2 (12:27):
Und aus China kommen auch noch Gerüchte, die dazu passen. Chinesische Banken sollen bestimmte Geschäfte (vor allem am Devisenmarkt) mit französischen Banken (und der UBS) zurückgefahren haben.
Alles unbestätigt, alles nur aus der Gerüchteküche. Kann also gut auch gestreut sein von Leuten, die auf fallende Kurse bei den französischen Banken gesetzt haben.
11:28 am • 20 September 2011